Legionellen

Definition und mikrobiologischer Hintergrund

Legionellen sind gramnegative, nicht sporenbildende Stäbchenbakterien. Von den rund 60 bekannten Arten ist für den Menschen vor allem Legionella pneumophila relevant – und hier wiederum die Serogruppe 1, die für den Großteil der schweren Erkrankungen verantwortlich ist. In ihrem natürlichen Lebensraum, also in Seen, Flüssen und im Grundwasser, kommen sie in so niedrigen Konzentrationen vor, dass von ihnen keinerlei Gefahr ausgeht.

Gefährlich wird es erst in der sogenannten Trinkwasser-Installation, also dem Leitungsnetz innerhalb von Gebäuden. Dort finden Legionellen die zwei Bedingungen, die sie zum Wachstum brauchen: lauwarmes Wasser und einen Biofilm. Dieser Biofilm ist ein hauchdünner, schleimiger Belag aus Mikroorganismen, der sich an den Innenwänden von Rohren, in Duschschläuchen, Perlatoren und Speichern bildet – besonders dort, wo Kalk und Ablagerungen Halt bieten. Eine Besonderheit macht Legionellen dabei extrem hartnäckig: Sie können in einzellige Lebewesen wie Amöben (etwa Acanthamoeba) eindringen und sich in deren Innerem vermehren. Die Amöbe wirkt dabei wie ein trojanisches Pferd – sie schützt das Bakterium vor Hitze, Chlor und anderen Desinfektionsmaßnahmen. Genau deshalb reicht eine einmalige Spülung selten aus, um eine befallene Anlage dauerhaft zu sanieren.

Woher stammt der Name „Legionellen“?

Der ungewöhnliche Name hat einen konkreten historischen Ursprung. Im Sommer 1976 erkrankten in Philadelphia während eines Treffens des US-Kriegsveteranenverbands „American Legion“ plötzlich rund 180 Teilnehmer an einer rätselhaften, schweren Lungenentzündung; 29 von ihnen starben. Erst Monate später identifizierten Wissenschaftler ein bis dahin unbekanntes Bakterium als Ursache – verbreitet über die Klimaanlage des Tagungshotels. Zu Ehren der betroffenen „Legionäre“ erhielt der Erreger den Namen Legionella pneumophila („Legionärs-Bakterium, das die Lunge liebt“). Dieser Fall machte schlagartig deutlich, dass technische Wassersysteme zur Infektionsquelle werden können – eine Erkenntnis, auf der die heutige Trinkwasserhygiene aufbaut.

Wie werden Legionellen übertragen?

Warum ist das der wichtigste Abschnitt, um unnötige Angst zu vermeiden? Weil Legionellen kein klassisches Trinkwasserproblem sind. Du kannst ein Glas legionellenhaltiges Wasser trinken, ohne zu erkranken, denn die Bakterien müssen in die Lunge gelangen, nicht in den Magen. Die Ansteckung erfolgt ausschließlich über Aerosole – Wassertröpfchen, die kleiner als etwa 5 Mikrometer sind. Nur so feine Tröpfchen sind „lungengängig“, schweben also lange in der Luft und dringen beim Einatmen bis tief in die Lungenbläschen vor. Wo solche Aerosole entstehen, liegt das eigentliche Risiko. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch ist nicht bekannt.

Aerosolquelle Warum riskant Risiko-Einschätzung
Dusche Feiner Sprühnebel aus erwärmtem Wasser, oft nach Stagnation in der Leitung Häufigste Infektionsquelle im Haushalt
Klimaanlagen & Rückkühlwerke (Kühltürme) Vernebeln große Wassermengen, Tröpfchen werden über die Außenluft weit verteilt Ursache der meisten großen Ausbrüche
Whirlpool & Sprudelbad Warmes Wasser plus starke Verwirbelung erzeugen enorm viele Aerosole Hoch, besonders bei mangelhafter Wartung
Luftbefeuchter & Zimmerbrunnen Stehendes, lauwarmes Wasser ohne regelmäßige Reinigung Mittel, oft unterschätzt
Trinken (Glas Wasser) Wasser gelangt in den Magen, wo die Magensäure die Bakterien abtötet Praktisch kein Risiko (Ausnahme: Verschlucken bei Schluckstörungen)

Legionärskrankheit und Pontiac-Fieber: zwei Gesichter einer Infektion

Eine Infektion verläuft längst nicht immer dramatisch. Welche der beiden Krankheitsformen auftritt, hängt von der Erregermenge, der Bakterienart und vor allem von deiner gesundheitlichen Verfassung ab. Die folgende Übersicht zeigt dir die zentralen Unterschiede.

Merkmal Legionärskrankheit Pontiac-Fieber
Schweregrad Schwere Lungenentzündung (Pneumonie), kann tödlich verlaufen Mild, grippeähnlich, ohne Lungenentzündung
Inkubationszeit 2 bis 10 Tage wenige Stunden bis 3 Tage
Typische Symptome Hohes Fieber, Husten, Atemnot, Schüttelfrost, teils Verwirrtheit und Durchfall Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen, Abgeschlagenheit
Verlauf Behandlungsbedürftig (Antibiotika), Krankenhausaufenthalt möglich Heilt meist von selbst in wenigen Tagen aus
Nachweis Urin-Antigen-Test, Erregernachweis aus Atemwegssekret Meist klinische Diagnose, da selbstlimitierend

Wie verbreitet ist die Erkrankung? Dem Robert Koch-Institut werden pro Jahr einige Tausend Fälle der Legionärskrankheit gemeldet – die tatsächliche Zahl liegt nach Schätzungen deutlich höher, weil viele Lungenentzündungen nie gezielt auf Legionellen getestet werden. Die Sterblichkeit (Letalität) liegt bei behandelten Fällen je nach Quelle bei rund 5 bis 10 Prozent, bei geschwächten Patienten höher. Die Legionärskrankheit ist in Deutschland nach dem Infektionsschutzgesetz meldepflichtig: Ärzte und Labore müssen einen Nachweis an das Gesundheitsamt melden, damit die Infektionsquelle gefunden und weitere Erkrankungen verhindert werden können.

Wann und wo sich Legionellen vermehren

Legionellen sind extrem temperaturabhängig – und das ist deine wichtigste Stellschraube. Ihr optimaler Vermehrungsbereich liegt zwischen 25 und 45 °C, mit einem Maximum nahe der menschlichen Körpertemperatur. Außerhalb dieses Fensters wird es für sie ungemütlich:

  • Unter 20 °C: Die Bakterien überleben, vermehren sich aber kaum. Kaltwasser sollte deshalb wirklich kalt bleiben (möglichst unter 25 °C).
  • 25 bis 45 °C: Idealbereich – hier vermehren sie sich am schnellsten. Lauwarmes, stehendes Wasser ist der gefährlichste Zustand überhaupt.
  • ab 55 °C: Das Wachstum kommt weitgehend zum Erliegen.
  • ab 60 °C: Die Bakterien werden zuverlässig abgetötet; bei 70 °C sterben sie binnen Minuten.

Der zweite große Risikofaktor ist Stagnation. Steht Wasser tagelang ungenutzt in der Leitung – etwa in einer Ferienwohnung, einem selten benutzten Gäste-Bad oder einem stillgelegten Leitungsstrang –, kühlt es in den Idealbereich ab und die Legionellen haben freie Bahn. Daraus folgt die simple Faustregel der Trinkwasserhygiene: warm halten, kalt halten, in Bewegung halten.

Legionellen im Eigenheim und im Großgebäude: wo der Gesetzgeber eingreift

Macht es einen Unterschied, ob du im eigenen Haus oder zur Miete wohnst? Rechtlich ja. Der Gesetzgeber unterscheidet zwischen privaten Kleinanlagen und sogenannten Großanlagen zur Trinkwassererwärmung. Als Großanlage gilt eine Anlage mit einem Warmwasserspeicher über 400 Litern oder mit mehr als 3 Litern Wasserinhalt in der Leitung zwischen Trinkwassererwärmer und Entnahmestelle – das trifft typischerweise auf Mehrfamilienhäuser zu.

Wird das Wasser aus einer solchen Großanlage im Rahmen einer gewerblichen oder öffentlichen Tätigkeit abgegeben (klassisch: Vermietung), besteht eine gesetzliche Untersuchungspflicht – die Legionellenprüfung. Die technischen Anforderungen an Planung, Betrieb und Temperaturen regeln das DVGW-Arbeitsblatt W 551 und die Richtlinie VDI 6023 zur Trinkwasserhygiene. Für das selbst genutzte Ein- oder Zweifamilienhaus gibt es keine Prüfpflicht – die genannten Temperatur- und Spülregeln solltest du aus eigenem Interesse trotzdem einhalten.

Kontaminationsstufen: Was bedeutet ein positiver Befund?

Ein Laborbefund nennt nicht nur „ja“ oder „nein“, sondern eine konkrete Konzentration in koloniebildenden Einheiten je 100 Milliliter (KBE/100 ml). Daraus leiten sich abgestufte Handlungspflichten ab. Die folgende Einordnung orientiert sich an den Empfehlungen des Umweltbundesamtes.

Befund (KBE/100 ml) Bewertung Typische Maßnahme
bis 100 Zielwert / keine Beanstandung Normaler Weiterbetrieb, turnusmäßige Kontrolle
über 100 bis 1.000 Mittlere Kontamination Nachuntersuchung, Ursachensuche, mittelfristige Sanierung; Meldung ans Gesundheitsamt
über 1.000 bis 10.000 Hohe Kontamination Gefährdungsanalyse, kurzfristige Sanierung, ggf. Nutzungseinschränkung
über 10.000 Extrem hohe Kontamination Sofortmaßnahmen, häufig Duschverbot bis zur Sanierung

Zur Sanierung einer befallenen Anlage stehen mehrere Verfahren zur Verfügung, die oft kombiniert werden. Die thermische Desinfektion erhitzt das gesamte System kurzzeitig auf mindestens 70 °C, wobei an jeder Entnahmestelle mehrere Minuten lang heiß gespült werden muss. Bei der chemischen Desinfektion kommen zugelassene Mittel wie Chlordioxid zum Einsatz. Als sofort wirksamer Schutz an besonders kritischen Stellen lassen sich endständige Sterilfilter (Porenweite 0,2 µm) direkt am Duschkopf montieren, die Legionellen mechanisch zurückhalten. Welches Verfahren passt, hängt von Ursache, Anlagengröße und Befundhöhe ab und gehört in die Hand eines Fachbetriebs.

Wer ist besonders gefährdet?

Die gute Nachricht zuerst: Ein gesundes Immunsystem wird mit eingeatmeten Legionellen in aller Regel problemlos fertig. Das Risiko für einen schweren Verlauf ist jedoch für bestimmte Gruppen deutlich erhöht. Dazu zählen ältere Menschen (das Risiko steigt spürbar ab etwa 50 Jahren), Raucher, Menschen mit chronischen Lungenerkrankungen sowie alle mit geschwächtem Immunsystem – etwa nach Organtransplantationen, unter Chemotherapie oder bei bestimmten Medikamenten. Auffällig ist außerdem, dass Männer rund zwei- bis dreimal häufiger erkranken als Frauen. Kinder und Jugendliche sind dagegen nur sehr selten betroffen.

So schützt du dich vor Legionellen

Vorbeugen ist überraschend einfach – und kostet meist nichts außer ein wenig Aufmerksamkeit. Diese Maßnahmen senken dein Risiko spürbar:

  • Warmwasser heiß genug einstellen: Der Speicher sollte am Austritt mindestens 60 °C erreichen, die Zirkulationsleitung mindestens 55 °C – auch wenn es verlockend ist, aus Energiegründen herunterzuregeln.
  • Kaltwasser kalt halten: Kaltwasserleitungen sollten unter 25 °C bleiben und nicht durch danebenliegende Warmwasserrohre aufgewärmt werden.
  • Nach längerer Abwesenheit spülen: Nach Urlaub oder Leerstand vor der ersten Nutzung alle Hähne und besonders die Dusche einige Minuten heiß laufen lassen – am besten mit abgenommenem oder abgedecktem Duschkopf, um Sprühnebel zu vermeiden, und bei guter Lüftung.
  • Duschköpfe und Perlatoren regelmäßig entkalken und reinigen: Kalk und Biofilm sind die ideale Brutstätte.
  • Selten genutzte Stränge nicht vergessen: Gäste-WC, Außenhahn oder das zweite Bad ab und zu bewusst durchspülen.
  • Bei Mietobjekten auf die Legionellenprüfung achten: Vermieter von Mehrfamilienhäusern sind zur regelmäßigen Untersuchung verpflichtet – frag im Zweifel nach dem letzten Prüfbericht.

Häufige Fragen zu Legionellen

Kann ich mich beim Trinken mit Legionellen anstecken?

Nein, beim normalen Trinken praktisch nicht. Legionellen müssen in die Lunge gelangen, um eine Infektion auszulösen – und das passiert nur über eingeatmete Aerosole, etwa beim Duschen. Verschluckst du Wasser, landet es im Magen, wo die Magensäure den Bakterien den Garaus macht. Ein geringes Restrisiko besteht nur, wenn du dich beim Trinken verschluckst und Wasser in die Atemwege gerät (Aspiration), was vor allem für Menschen mit Schluckstörungen relevant ist.

Bei welcher Temperatur sterben Legionellen ab?

Ab 60 °C werden Legionellen zuverlässig abgetötet, bei 70 °C sterben sie binnen Minuten; ab 55 °C stoppt ihr Wachstum weitgehend. Genau deshalb sollte dein Warmwasser nie aus Spargründen auf 45 oder 50 °C heruntergeregelt werden – das wäre exakt der Temperaturbereich, in dem sie sich am wohlsten fühlen. Eine korrekt eingestellte Warmwasseranlage ist die mit Abstand wirksamste Vorbeugung.

Woran erkenne ich, ob mein Wasser Legionellen enthält?

Am Wasser selbst gar nicht – Legionellen verändern weder Geschmack, Geruch noch Aussehen. Sicherheit gibt nur eine mikrobiologische Untersuchung durch ein zugelassenes Labor, das eine Probe auf einem Nährboden bebrütet und die Kolonien auszählt. In vermieteten Mehrfamilienhäusern ist diese Prüfung ohnehin vorgeschrieben. Als Privatperson kannst du eine Probe freiwillig untersuchen lassen, etwa wenn gefährdete Personen im Haushalt leben.

Was bedeutet der Maßnahmenwert von 100 KBE/100 ml?

Das ist der gesetzlich definierte technische Maßnahmenwert für Legionellen im Warmwasser: 100 koloniebildende Einheiten je 100 Milliliter. Wird er überschritten, gilt die Anlage als auffällig. Dann müssen – abhängig von der Höhe des Befunds – eine Gefährdungsanalyse durchgeführt, die Ursache beseitigt und das Gesundheitsamt informiert werden. Der Wert ist also weniger eine starre Grenze als ein Schwellenwert, der gestufte Handlungspflichten auslöst.

Ist Duschen mit Legionellen im Wasser gefährlich?

Bei stark belastetem Wasser ja, denn die Dusche erzeugt genau die feinen Aerosole, über die sich Legionellen verbreiten. Solange deine Warmwasseranlage richtig eingestellt ist und du regelmäßig duschst, bleibt das Risiko gering. Besondere Vorsicht gilt nach längerer Abwesenheit – dann hilft das beschriebene Heißspülen, bevor du dich wieder unter den Strahl stellst. Bei nachgewiesen hoher Belastung schützen endständige Sterilfilter am Duschkopf sofort.

Wie wird die Legionärskrankheit behandelt?

Mit Antibiotika, die gezielt gegen Legionellen wirken (etwa aus der Gruppe der Makrolide oder Fluorchinolone). Je früher die Diagnose, desto besser die Heilungschancen. Wichtig ist deshalb, bei einer schweren Lungenentzündung mit hohem Fieber an Legionellen zu denken – besonders, wenn du kurz zuvor in einem Hotel, einer Reha oder an einem anderen Ort mit fremder Wasseranlage warst. Der Nachweis gelingt schnell und unkompliziert über einen Urin-Antigen-Test.

Hilft ein Wasserfilter gegen Legionellen?

Ein klassischer Tisch- oder Aktivkohlefilter hilft nicht – im Gegenteil, schlecht gewartete Filter mit stehendem Wasser können das Wachstum sogar fördern. Wirksam sind ausschließlich endständige Sterilfilter mit einer Porenweite von 0,2 µm, die die Bakterien mechanisch zurückhalten, sowie die thermische oder chemische Desinfektion der gesamten Anlage. Filter sind dabei eine kurzfristige Schutzmaßnahme, keine Dauerlösung – die eigentliche Ursache muss behoben werden.

Cheatsheet: Legionellen in sechs Punkten

  1. Legionellen sind natürliche Wasserbakterien, die erst in lauwarmen, stehenden Hausinstallationen gefährlich werden.
  2. Ansteckung nur über eingeatmete Aerosole (Dusche, Klimaanlage, Whirlpool) – niemals durchs Trinken.
  3. Zwei Krankheitsbilder: schwere Legionärskrankheit (Lungenentzündung, meldepflichtig) und mildes Pontiac-Fieber.
  4. Optimaler Vermehrungsbereich 25–45 °C; ab 60 °C sterben sie ab. Warm heiß, kalt kalt, Wasser in Bewegung halten.
  5. Gesetzlicher Maßnahmenwert: 100 KBE/100 ml – darüber drohen Gefährdungsanalyse, Sanierung und Meldung.
  6. Sanierung über thermische oder chemische Desinfektion; Sterilfilter (0,2 µm) als Sofortschutz am Duschkopf.

Legionellen sind der Grund, warum es die gesetzlich vorgeschriebene Legionellenprüfung gibt – dort erfährst du, wer wann prüfen muss. Wie die Bakterienzahl überhaupt gemessen wird, erklärt der Beitrag zu KBE (Koloniebildende Einheiten). Eine chemiefreie Methode, Wasser zu entkeimen, stellt der Artikel zur UV-Desinfektion vor, und alle rechtlichen Vorgaben rund um Trinkwasserhygiene findest du in der Trinkwasserverordnung.

Wissenschaftliche und rechtliche Quellen

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Portrait von Manuel Lesti, persönlicher Ansprechpartner bei Wasserprinz in Augsburg.
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